Der Gamsberg - eine Liebe
Geschrieben von Wolf-Peter Hartmann   
14.03.2006

Namibia war - und ist! - ein Synonym für meist klaren Himmel und hervorragende Durchsicht, begleitet von einem sehr guten, manchmal außerordentlichen Seeing. So hieß es und die vielen guten Astro-Fotos von dort bestätigten diesen Eindruck.

Aber war es nicht zugleich furchtbar weit weg, nur in ungefähr 10 Stunden Flugzeit zu erreichen? Scheißteuer dadurch der Transport von einigermaßen Öffnung, wilde Tiere (Schlangen!!) und womöglich die Sicherheit auch nicht so garantiert? Da blieb ich lieber zu Hause, unternahm ab und zu einen Ausflug mit dem Auto in die astronomisch auch recht guten Alpen und sparte mir den teuren Flug.

Nun kamen Leute auf die Idee, im fernen Namibia eine Sternwarte zu errichten, diese mit größeren Geräten auszurüsten und somit den dauernden Transport zu vermeiden. So eine Bündelung der Kräfte erschien mir sehr sinnvoll! Also schloss ich mich dieser Truppe an, um mal zu sehen, ob und wie das lief - die IAS entstand so im Laufe der Zeit.

Und da musste man ja nach Namibia, um mit eigenen Augen zu sehen. Die sehen natürlich besser mit optischer Hilfe, also wurde mein Lieblingsgerät, das Fujinon 25x150mm, eingepackt und mitgenommen.
In Namibia erwies sich alles als viel weniger kompliziert als angenommen. Das ging schon am Zoll los, als meine Erklärung, dass ich das schöne Bino wieder mit nach Hause nehmen wolle, von der zuständigen Dame ohne weiteres akzeptiert wurde - heute nicht mehr unbedingt der Fall! - und setzte sich auf der Farm Hakos fort, als der deutsch sprechende weil deutschstämmige Farmer Walter Straube in Nullkommanix das fehlende Dreibein zusammen schweißte und auch sonst als etwas rustikaler 14. Nothelfer fungierte.

Grenzgrößen deutlich über 6,5mag! Das Zodiakallicht! Der Erdschatten! Lichtverschmutzung: das ungefähr 100km entfernte Windhoek als Schimmer am Horizont, sonst nichts, absolut nichts! Sterne durch den Horizont an- und ausgeknipst! Essen und Unterkunft problemlos, sogar nachts gab es für die Sterngucker heißen Tee und Kekse!

Während die Astro-Fotografen hinter den Nachführokularen ihrer Kameras hingen, hing ich als visueller Beobachter an den Okularen meines Binos.

Nicht nur die zuvor nie in dieser Pracht gesehenen Schaustücke des südlichen Sternhimmels schlugen mich in ihren Bann, nein, auch die der mittleren himmlischen Breiten hielten jeden Vergleich mit dem vorher so geschätzten Alpenhimmel aus, ja, sie kamen hier sogar auch eindeutig besser zur Geltung.

Während ich mich im Sternguckerhimmel wähnte, kam eine mehrnächtige Exkursion auf den Gamsberg ins Spiel. Da musste das große Bino natürlich auch mit. Die Anfahrt und erst recht die Auffahrt waren schon ein Erlebnis. Thorsten Neckel erzählte von der Geschichte dieses ehemaligen MPIA-Standortes, seinen mühseligen Anfängen bis zu den jetzt doch bequemeren wenn auch schon wieder maroden Hütten. So manche Schnurre machte die Runde, so auch die von dem fensterguckenden Leoparden - die ich damals unter "Folklore" einordnete, aber nun durchaus ernst nehme.
Dann kam die Nacht.

Jetzt nicht mehr mit Grenzgrößen von 6,5mag, sondern mit solchen von etwa 7,5! Andere sahen noch weiter, aber selbst ich als älterer Sterngucker konnte 7,5 bestätigen, soweit wir das aus den Atlanten ersahen. Das hat sich übrigens später, mit Laptop und Guide, mehrmals bestätigt. Und die Schatten werfende Milchstraße erst!

Und diese Ruhe! Kein knatternder Generator, allerdings auch kein Strom. Damit allerdings auch kein Astrofotograf, der schnell mal bei Weißlicht was nachsehen musste und dann das Weißlicht brennen ließ…
Das war ideal! Dafür nahm man gerne die Beschränkungen des camping-ähnlichen Daseins in Kauf, lebte von Biltong mit Reis und Tomaten, zur Abwechslung dann Reis mit Tomaten und Biltong, nahm rudimentäre sanitäre Verhältnisse hin - und hatte Visionen. Dann kamen gesundheitliche Einschränkungen, Pensionierung und allmähliche Erholung.

Es folgten viele viele Besuche in Namibia, der Aufbau der Sternwarte Hakos hauptsächlich durch Martin Quaiser, Lutz Bath und Werner Roßnagel, die vielen anderen Helfer mögen mir die Auslassung verzeihen. Aber jedes Mal bin ich mindestens einmal, meist mehrmals, auf den Gamsberg gekommen, mit Thorsten, mit Walter per 4WD, hauptsächlich aber zu Fuß.

Anfangs war das Wasser der beschränkende Faktor, wenn man nicht mit dem Fahrzeug hoch kam sogar sehr - es gibt kein Wasser auf dem Gamsberg. 2004 wurden deswegen die Dachrinnen repariert und das durch sie in der Regenzeit anfallende Regenwasser in Tanks geleitet, derzeit 12500 l und demnächst 20 000 l, aufbereitet durch ein Katadyn-System.

Dann war das Instrumentarium jedesmal raufzuschleppen oder raufzufahren. Ich erinnere mich mit Schrecken an meine lang und länger werdenden Arme durch den Miyauchi 26x100mm… Und die Astrofotografen mussten ihr Material - besonders die Montierung - jedes Mal raufbringen, die visuellen Beobachter die Dobsons.

Das ist jetzt anders! Anscheinend ist der Gamsberg ansteckend ...

Neben anderen Hillar Roigas, Rainer Marten, Thomas Ripplinger, die Lüdemänner und vor allem Eberhardt von Grumbkow ließen sich anstecken und montierten, schweißten, reparierten, flexten (und was weiß ich noch welche Tätigkeiten mehr!) mit Hilfe von einheimischen Arbeitern, speziell Moses II, was das Zeug hielt.
Die Hütten wurden bei vielen Besuchen, teilweise behelfsmäßig, repariert, ein Klo mit Windspülung errichtet, die Wasserversorgung ergänzt, Batterien für die Stromversorgung montiert, Solarduschen und Bettzeug rauf gebracht, ein Grundbestand an Lebensmitteln etabliert, die Fehler der 230V-Stromversorgung ausgemerzt, 2005 ein Tresorcontainer für die sichere Unterbringung von Sachen geschaffen, eine 3m-Hütte mit abfahrbarem Dach für die EQ6 auf einem vorhandenen Betonfundament gebaut und 2004 ein 10"- sowie 2005 ein 12"-Dobson, beide von hoher optischer Qualität, vorgehalten und und und...

Jetzt lässt es sich da schon eher aushalten! Nachdem meine Frau, jetzt wie ich im Ruhestand und ebenfalls IAS-Mitglied, den Gamsberg genauso schätzt, wenn auch mehr aus botanischer Sicht, ist nun die Vorgabe, dass immer mindestens zwei Leute auf dem Gamsberg sein müssen, leichter einzuhalten.

Zu tun bleibt immer noch genug! Die stete Verbesserung der Infrastruktur muss voranschreiten, wenn wir, wie geplant, einen 63cm-Spiegel in einer Gabel montieren und nutzen wollen. Dazu werden wir jetzt einen Blitzschutz montieren, die Wassertanks auf 20.000 l erweitern, die anderen Hütten nach und nach bewohnbarer machen usw. usf.

Und was ist mit den Schlangen, Skorpionen usw.? Fehlanzeige! Nur einmal, mit Frank Richardsen, bekam ich mehrere zu Gesicht, aber der drehte auch jeden Stein auf der Suche nach so was um…

Bei der letzten Marsopposition war ich wieder mal mit Thomas Ripplinger und seinem 30-cm-SC auf dem Gamsberg und konnte ein Sub-Bogensekunden-Seeing (besser als 0,3"!) erleben.
Das will ich noch mal haben, wenn der 63cm in Betrieb geht - visuell, versteht sich.

Bis dahin werde ich wahrscheinlich noch oft auf dem Gamsberg sein, tagsüber mit Freunden werken und nachts mit ihnen ein wenig beobachten. Mit dem bloßen Auge zum Beispiel die "Ringmilchstraße" ansehen, mit dem Feldstecher sich im Nachthimmel (SMC und LMC z.B.!) verlieren, mit den Dobsons Galaxien (NGC 253 etwa) und Nebel (wie die Lagune oder den Omeganebel), Kugelsternhaufen (man denke nur an 47 Tucanae!!!) und offene Sternhaufen (Schatzkästchen!) besuchen und vieles mehr.

Wer mit will, ist herzlich eingeladen! Aber Vorsicht: wie gesagt, der Gamsberg und die Liebe zu ihm kann ansteckend sein…